Bernhard Brink – „Best of Bernhard Brink“ (1 CD) - Bernhard Brink – “Von Gestern bis Morgen” (4 CD) im Test von Holger Stürenburg

Er ist ohne jeglichen Zweifel das sprichwörtliche „Stehaufmännchen“ des Deutschen Schlagers: BERNHARD BRINK, knapp 57 Jahre alt, gebürtig aus dem niedersächsischen Nordhorn stammend.
Zwischen 1972 und 1982 feierte er zig Chart- und Radiohits, danach versandete er in der zweiten oder gar dritten Liga des Genres, bevor er 1990 (Dank „Blondes Wunder“) als einer der bedeutsamsten Pioniere des deutschen Discofox in die Annalen der einheimischen Popszene einging. Es folgte Hit auf Hit – doch 2008 legte B.B. das nicht unumstrittene „Gröl-Album“ „Stier“ vor, das von vielen Schlagerfreunden schlicht und einfach nur als ‚grausam’ bezeichnet wurde. „Totgesagte leben länger“, heißt es aber so schön: Kürzlich trat der „Schlagertitan“ mit einer so betitelten Produktion an die Öffentlichkeit, die alle Zweifler Lügen strafte und wiederum mit phantastischen Liedbeiträgen aufwartete. „Super geile Zeit“, die erste Singleauskoppelung, gilt bereits als Klassiker; „Geliebt, Gehasst, Geweint“, die zweite Auskoppelung aus „Schlagertitan“, hat nun alle Chancen, sogar die Top 3 der Formatradiocharts „konservativ“ zu erstürmen.

In Anbetracht dieses großen Erfolges des einstigen Jura-Studenten, kamen einige Plattenfirmen auf die Idee, Best-of-Kompilationen der legendären „Schlagerkanone“ auf den Markt zu bringen. Den Anfang machte das Hamburger Label „EDEL“, das im Rahmen ihrer mehrteiligen CD-Serie „Diamond – The Finest Music Collection“ auch eine Ausgabe derer Bernhard Brink widmete.
Die Katalog-Kollegen von EDEL kümmerten sich überwiegend um Bernhards Evergreens aus den 70er und 80er Jahren. Damals glänzte „B.B.“ fast ausschließlich mit Coverversionen genialischer internationaler Disco-Reißer. So sang sich der hochtalentierte Sänger durch Tanzflächenfüller von Suzi Quatro („She’s in Love with you“ – auf Deutsch: „Ich wär so gern wie Du“) oder „Exile“ („How could this go wrong“ – „Frei und abgebrannt“). Auch klassische Hardrocker („I’ve never been in Love“ – „Fieber“), melodiöse Popoden („If you can’t give me Love“ – „Alles braucht seine Zeit“) oder knisternde Balladen („Le Reve“ – Liebe auf Zeit“, „Be my Baby“ – „Wo steht das geschrieben?“, „Without you“ – „Ich hab geglaubt, Du liebst mich“) waren vor Bernhard nicht sicher. Zudem interpretierte er Kompositionen von z.B. Peter Cornelius („Du entschuldige, ich kenn’ Dich“), Howard Carpendale („Danielle“, „Viel zu jung“) oder G.G. Anderson („Du natürlich“, „Wenn andre schlafen“). Gerade „Viel zu jung“ (1980/81) bedeutet dem Verfasser dieser Zeilen sehr viel. Dieser eher bedächtig, ruhig gehaltene „Problemschlager“ sorgte im Januar 1981 – ich war kaum zehn Jahre alt - dafür, daß ich seitdem ein großer Fan des ewigjungen Nordhorners bin. „Dich vergess’ ich nie“ (1981 – von niemand geringerem, als Gentleman-Entertainer Roland Kaiser betextet), sorgte für einen kurzen Flirt Bernhards mit der sich anbahnenden Neuen Deutschen Welle (NDW); den recht rockig ausgestalteten Mid-Tempo-Popper „Glaubst Du, Du findest den Weg“ (1980) hat der Interpret, zu einer Komposition von Dieter Bohlen, selbst mit interessanten Schlagerlyriks versehen.

Die Songs von „Best of Bernhard Brink“ (EDEL Records) sind fraglos durchwegs Klasse, äußerst wichtige Fragmente der wilden Jugend von uns 80er-Kindern. Es stellt sich nur die Frage: Wer benötigt die 170. Verkoppelung von Bernhards Gassenhauern der 70er und 80er, zumal meine liebe Freundin und Kollegin Daniela Jäntsch (www.jaentsch-promotion.de) und ich die meisten dieser im Auftrag von SONY Music Entertainment/Ariola Express bereits 2007 auf der fulminanten Drei-CD-Box „Bernhard Brink – Frühes – Rares – Außergewöhnliches 1972-1989“ mit viel Liebe, Mühe und Akribie verkoppelt hatten.
Bernhards 70er- und 80er-Evergreens sind absolut super – wurden aber schon so oft auf CD neu aufgelegt, so daß sich EDEL Records die Frage stellen sollte, weshalb ein weiterer Aufguss dieser Popschlager-Perlen unbedingt sein mußte…

Ausschließlich über www.shop24direct.de ist die proppevolle Vier-CD-Box „Von Gestern bis Morgen“ erhältlich. Auf dieser hat der rührige Internet-Versand nahezu ausnahmslos Bernhard-Hits aus seiner Phase bei KOCH/Universal berücksichtigt, also Titel aus den Jahren 1992ff.

Wir hören darauf insgesamt – sage und schreibe – 80 (!) Bernhard-Klassiker, überwiegend zum Tanzen und Mithotten geeignet: So etwa fetzige Partyreißer („Alles auf Sieg“, „Mit Dir und für immer“, „Hast Du Lust?“, „Ich bin frei“, „Erst willst Du mich, dann willst Du nicht“, „Du kannst mich mal“, „Vorbei ist Vorbei“, „Wo bist Du?“, „Ich will“, „Erzähl’ mir nichts von Liebe“, „Verrückt nach Dir“, „Keine Angst“, „Verlorene Träume“ – klingt verdächtig nach Wolle Petry -, „Keiner kann uns das verbieten“, natürlich und unumgänglich das legendäre, allerdings neu aufgenommene „Blonde Wunder“…), rockige Discohymnen („Heute Nacht oder nie“, „Erst machst Du auf Liebe“, „Alles klar“, „Ganz viel von Dir“, „Was ist denn jetzt kaputt?“, „Am Ende siegt die Liebe“, Warum denn nicht“, „Tausendmal Nein“, „Wie kann man so bescheuert sein?“), oder mediterran angehauchten Pop („Komm und führ mich in Versuchung“).

Aber gleichsam dramatisch-romantische Balladen („Sag’ ihr auch“, „Mit Leib und Seele“, „Keiner weint für immer“, „Nie mehr ohne Dich“, „Ich lieb’ zu viel“, „Ich geh mit Dir“, „Voll erwischt“, „Irgendwann vielleicht“ „Du gehst fort“, gemeinsam mit Ireen Sheer – kennen wir Schlagerfreunde bereits aus den 70er Jahren, damals gesungen von „Marion & Anthony -, „Heute habe ich an Dich gedacht“ - auch hierbei steht Ireen Bernhard als Duettpartnerin zur Verfügung), und sympathische Mid-Tempo-Schlager („Doch ich will mehr“, „Lucky“, „Dein Flieger wartet nicht“), sogar nächtlich-urbane Edelpopper („Ganz oder gar nicht“, „Engel weinen heimlich“, „Geh doch“), inhaltlich traurige, gefühlvolle Schleicher („Engel der Nacht“, „Es ist wieder Sommer“), eindeutig rockorientierte Gitarrennummern („Wenn nicht heut’ – wann denn dann?“, „Die Zeit heilt keine Wunden“, „Verdammt lang her“ (KEINE hochdeutsche Version des gleichnamigen „BAP“-Opus!)) oder funkige (Synthi-)baßlastige Nachtlebenelegien („Du hast mich verhext“, „Verdammt, daß muß Liebe sein“, „Geh (eh’ ich den Kopf verlier“ – in Sachen Arrangement/Umsetzung sehr Bohlen-esk gehalten, „Ich will die Nacht mit Dir“, „Eine Nacht verzeih’n“) sind auf vorliegender Vier-CD-Box zu vernehmen. Doch auch mit eher gesellschaftskritischen Texten brillierte Bernhard in der vergangenen Dekade: „Es ist niemals zu spät“, erneut im Duett mit „Lady Show“ Ireen Sheer aufgenommen, zeigt einen durchaus anpolitisierten Künstler, der fraglos in der Lage ist, nachdenklichere, nicht stets nur fröhliche Lieder zu interpretieren.
Textlich witzig wird’s im freundlichen Popschlager „Hallo, wer bist Du denn?“ – ein offenkundig stark alkoholisierter Mann hat an einem Abend eine Frau aufgerissen, für einen One-Night-Stand zu sich nach Hause geholt – und kann sich am darauf folgenden Morgen (Kurt Waldheim oder Dieter Althaus lassen grüßen…;)) an rein gar nichts mehr erinnern, weiß nicht mal mehr ihren Namen, oder, ob er womöglich am Vorabend gar von Liebe gesprochen habe. Hier mein Rat an den Protagonisten: Weniger Alkohol, mehr Voltax ;))) Zu harten Gitarrenklängen rappt (!) der „Schlagertitan“ „Der ganz normale Wahnsinn“, im heftigen, drallen Boogierock-Gewand erklingt „Verdammt, ich bin, wie ich bin“; allzu pathetisch und schwülstig dagegen das zuckersüße Muttertagslied „Sag ihr mal „Danke““ („Have you ever really loved a Woman“/Bryan Adams).

Drastisch, deftig, laut, stark rhythmisiert inszeniert wurde die Neuaufnahme von Bernhards 1979er-Klassiker „Ich wär’ so gern wie Du“ aus dem Jahr 2003; im Original einst dargeboten von Rock-Mieze Suzi Quatro („She’s in Love with you“). „Liebe auf Zeit“ (die „gesungene“ Fassung des ursprünglich instrumentalen Traditionals „Le Reve“/Ricky King) kommt ebenfalls im zeitgemäßen Soundgewand des neuen Jahrtausends zum Zuge.

Eines der schönsten, intensivsten Liebeslieder der 90er Jahre hat Bernhard Brink selbstverständlich ebenfalls mit im Programm: „Domenica“, eine deutsche Version des Italopop-Klassikers „Diamante“ (Zucchero & Randy Crawford) der 1999 die einheimischen Radiostationen heftigst aufgewirbelt hatte; kaum weniger prickelnd und authentisch dringt die monumentale Liebesballade „Du, ich bin immer da“ aus den Boxen. Im italienischen Original von dem bärtigen Chansonnier Lucio Dalla aus Bologna interpretiert wurde „Lieder an die Liebe (Canzone)“; Bernhards muttersprachliche Auslegung dieses hymnischen Titels kommt auf „Von Gestern bis Morgen“ übrigens in einer knackigen Disco-Version zum Einsatz. Andrea-Berg-Mentor Eugen Römer schrieb 1991 für die „Schlagerkanone“ aus Niedersachsen den abgeklärten Romantikschlager „So wie damals“, das heutige „De Höhner“-Mitglied Hannes Schöner (1982: „Nun sag’ schon Adieu“) hingegen die elitäre Großstadtmelodie „Von mir aus sofort“.

Aus Bernhards von Fans und Kritikern vieldiskutiertem 2008er-Tiefpunkt „Stier“ wurden für „Von Gestern bis Morgen“ die mehr „gegrölten“, als gesungenen Tanzsaal-Stomper „Capirinha“, „Ausgerechnet Du“ und „Liebe XXL“, sowie der tatsächlich gelungene, melodisch-balladeske Zwiegesang mit der hübschen Österreicherin Simone, „Alles durch die Liebe, eine deutschsprachige Auslegung des Hugh Grant/Haley Bennett/Filmmusikklassikers „Way Back into Love“, und die liebevolle, von akustischen Gitarren getragene Mid-Tempo-Popballade „Offene Arme“ berücksichtigt.

Zu den wenigen Beiträgen aus Bernhards Ära bei Hansa bzw. Aladin zwischen 1972 und 1982 auf „Von Gestern bis Morgen“ zählen das äußerst attraktive Peter-Cornelius-Cover „Du entschuldige – ich kenn’ Dich“, der rasante Discofetzer „Frei und abgebrannt“ (im Original „How could I go wrong“ von „Exile“), das von Howard Carpendale komponierte Schülerliebe-Epos „Danielle“, die latent russisch ausstaffierte Edelschnulze „Ich hör’ ein Lied“ und die feschen Gitarrenschlager „Alles braucht seine Zeit“ („If you can’t give me Love“/Suzi Quatro) bzw. „Ich bin noch zu haben“ (aus der Feder von Fred Jay und Frank Zander).

Fazit: Sowohl „Best of Bernhard Brink“, als auch „Von Gestern bis Morgen“ bieten Bernhard Brink pur, direkt und ungeschminkt. Der „Schlagertitan“ ist 2009 ob seines aktuellen Topalbums gleichen Namens in aller Munde. Fans und Einsteiger werden mittels beider Kompilationen bestens bedient. Auch Discjockeys und Partyfreaks können unbesehen zugreifen. Und wer vor allem „Hits und Raritäten“ von „B.B.“ hören mag, dem sei, wie erwähnt, zusätzlich die drei Drei-CD-Box „Bernhard Brink – Frühes – Rares – Außergewöhnliches – 1972 bis 1989“ (Ariola Express/ SONY) ans Herz gelegt, welchselbige die werte Kollegin Daniela Jäntsch und meine Wenigkeit vor zwei Jahren im Auftrag der Katalogabteilung von SONY konzipierten.
Gesamtnote – Musik:  2plus
Gesamtnote – Historischer Wert: 1
Quelle: Holger Stürenburg, April 2009

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