Nicht mehr und nicht weniger als ganze sieben (!) Mal waren die Kölschrocker von „BAP“ im legendären ARD-„Rockpalast“ zu Gast, was damit gleichbedeutend ist, daß Wolfgang Niedecken und seine Mitstreiter als meistgebuchte Band der gesamten Ära des einst von Peter Rüchel konzipierten, mehrfach pro Jahr stattfindenden Megaevents bezeichnet werden müssen.
Drei der ellenlangen „BAP“-Auftritte aus den Jahren 1982, 1986 und 1996 erschienen bereits im vergangenen Herbst erstmals auf DVD, waren schlicht hervorragend ausgefallen und erwiesen sich zudem auch in kommerzieller Hinsicht als einträgliche Quelle. Bevor nun am 08. Mai 2009 die Doppel-DVD „KölnArena 2006“ veröffentlicht wird, legten die Katalog-Kollegen der Kölner EMI kürzlich drei weitere, phantastische Livemitschnitte vun dä Kölsche Rockinstitution vor, die ich als alter „BAP“-Fan un passionierter „Hobby-Kölsche“ in den nächsten acht, zehn Tagen an dieser Stelle peu a peu einwenig ausführlicher vorstellen möchte!
Als die damals aus acht Musikern bestehende Formation am 28. November 1981 im Hamburger Veranstaltungszentrum „Markthalle“, nahe des hiesigen Hauptbahnhofs, ihr Stelldichein für die seinerzeitige „Rockpalast“-Woche gaben, waren „BAP“, jenseits des Kölner Raums, noch kaum bekannt. Zwar war ihr (späteres) Nummer-Eins-Album „Für Usszeschnigge“, auf dem sich bekanntlich gleichsam der allererste reale „BAP“-Hit überhaupt, „Verdamp lang her“, befindet, bereits auf dem Markt – Die Band galt jenseits NRW jedoch weiterhin nur als Geheimtipp, wobei die damals aufkeimende Neue Deutsche Welle (NDW) nach und nach die Ohren der Musikfreunde für deutschgesungene Pop- und Rockmusik, jenseits des klassischen teutonischen Schlagers, öffnete und somit sicherlich dazu beitrug, daß auch bundesweit das Interesse an „BAP“ kontinuierlich stieg.
Wolfgang und die Seinen boten am 28.11.09 ein ca. 145minütiges, geradezu traumhaftes Konzert. Sie zeigten sich damals als die sprichwörtlichen „Angry Young Men“; wild, ungestüm, kritisch, weitaus politischer, durchaus „agitativer“, als heutzutage.
26 Titel finden sich auf „BAP – Rockpalast – 28.11.1981 – Markthalle“, die, von ein, zwei Ausnahmen abgesehen, sämtlich den ersten drei Studioalben „BAP rockt andere Kölsche Leeder“ (1979), „Affjetaut“ (1980) und eben „Für Usszeschnigge“ entstammten, im Livekontext sich aber nicht selten konsequent von den Versionen genannter LPs unterschieden – was einen großen Teil zu dem spritzigen Charme dieses frühen „BAP“-Auftritts beitrug.
Nicht nur das politische Engagement von „BAP“ stand im Vordergrund; kabarettistische Elemente spielten ebenso eine nicht zu unterschätzende Rolle in jenem auf vorliegender DVD festgehaltenen „Markthallen“-Konzert. „BAP“ waren zu Beginn der 80er Jahre noch auf der Suche, in welche musikalische Richtung sie sich künftig entwickeln wollten. Das 1979er-LP-Debüt klang noch sehr folkloristisch, akustisch, Kleinkunst-/Kabarett/Liedermacher-orientiert, auf „Affjetaut“ – inzwischen war Klaus „Major“ Heuser ein mehr als nur versierter, wenn gleichsam manchmal fraglos etwas selbstverliebt wirkender Rock-Gitarrist hinzu gestoßen – konnte man schon weitaus mehr „heftigere“, „lautere“ Klänge vernehmen; als erste real existierende Rock(!)scheibe von „BAP“ würde ich – rein subjektiv – erwähnte 1981er-Produktion bezeichnen.
Nach einer ironischen, kabarettistischen „Ankündigung“ unter dem Titel „Morgenmagazin“ (Textzitat: „BBBillig AAAttraktiv und PPPreiswert – B A P!!!“), folgte die hymnische, treibende Spießbürger-Vergackeierung „Ne schöne Jrooß“ („een Leed för all die, die Unfählbar sinn“, Zitat W.N.); sickdem een äächte Live-Klassiker und Fan-Favorit, dä op nahezo jeddem „BAP“-Kunzäät bess hück rejelmäßig zom Eensatz kütt.
Aus der Abteilung Politsatire, ertönte nun die überwiegend von Wolfgangs Akustikgitarre getragene Parodie auf von 1956 bis 1983 gültige Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer, „Stell Dir vüür“, erweitert um einen bissigen Seitenhieb auf den damaligen US-Außenminister Alexander Haig, worauf die stilistisch spürbar New-Wave-angehauchte, an die Genrehelden „The Police“ angelehnte Abrechnung mit der von der Band als fragwürdig empfundenen Sanierungspolitik in der Kölner Südstadt, der Heimat der meisten „BAP“-Mitglieder, „Südstadt verzäll nix“, sowie die Hausbesetzer-Unterstützung „Stollweck-Leed“ (eine Art Kölsche Antwort auf den Berliner „Rauchhaus-Song“ von „Ton Steiner Scherben“) zur Aufführung kamen, woraufhin das Konzertrepertoire, von nur wenigen Ausnahmen abgesehen, sich von nun an als weniger politisch, mehr emotional, ironisch, beschreibend von Alltagssituationen erwies.
Frontmann Wolfgang, der für seine ellenlangen Ansagen der einzelnen „BAP“-Titel berühmt und berüchtigt ist (böse Zungen sagen sogar, daß aff un zo die Anmoderierung eines Liedes seinerseits länger dauert, als dasselbe selbst ;))), fiel es hörbar nicht leicht, beim Hamburger Konzert mit den anwesenden Fans auf Hochdeutsch zu kommunizieren. Zwar bestand das Auditorium in der Hansestadt mehrheitlich aus vum Rhing angereisten Domstädtern – da der „Rockpalast“ aber europaweit ausgestrahlt wurde, mußte sich der Urkölner W.N. bemühen, bei den Zwischentexten so dialektfrei, wie möglich, zu sprechen, was ihm sichtlich schwer fiel und nicht selten dazu führte, daß er sich nach dem einen oder anderen Satz sozusagen selbst übersetzen mußte, wozu hä ävver keen Loss jehabt hann, weshalb er im weiteren Verlauf des Konzerts zunehmend reinrassig op Kölsch bliev.
Et jing wigger met dem leicht aggressiven Mid-Tempo-Rocker „Wat ess“, einem der atmosphärischsten Liedeslieder, das Wolfgang jemohls jeschrivve hätt, „Jraaduss“, dem lyrisch sehr trefflichen Statement gegen Ausländerfeindlichkeit „Neppes, Ihrefeld un Kreuzberg“. und der gesungenen *Hilfe zur Selbsthilfe“, „Helfe kann Dir keiner“ – bei dessen Darbietung bezeichnender Weise „Major“ Heuser eine Gitarrensaite riß…
Zu den persönlichen „BAP“-Favoriten des Rezensenten, zählt der Springsteen-beeinflußte „Roadsong“ „Frau, ich freu mich“, der ebenfalls bis heute – wenn ooch sick 2006 in einem divergierenden Arrangement – bei fast allen Auftritten der „Rolling Stones vom Rhein“ (TV-Zeitschrift „GONG“, 1984) Pflichtprogramm ist. Obwohl selbst im Alternativen Milieu verhaftet, gönnten es sich „BAP“, ihre eigene Fan-Klientel mittels des bitterbösen Reggaes „Müsli Män“ auf die Schippe zu nehmen (wobei Wolfgang hier artgerecht mit Palästinensertuch, un „met su 'nem Feuerschwert un Heiljenschein“ (Textzitat) bekleidet war). Doch auch die erzkonservative, großbürgerliche ‚Besserverdienende’ „Ruut-Wiess-Blau Querjestriefte Frau“, die die Alternative Szene der ausgehenden 70er eigentlich nur als ‚Show’ bzw Amüsement betrachtet, bekommt in gleichnamigem, Ragtime-ähnlichen Couplet ihr Fett weg.
Nachdenklich wird’s hingegen in der höchstsensiblen Ballade „Jupp“, in der es inhaltlich um einen Stalingrad-Veteranen geht, der tief gestürzt ist, in einem Männerwohnheim lebt und aufgrund des Traumas hinsichtlich seines Einsatzes im II. Weltkrieg schizophren geworden ist, lauter Phantagorismen erzählt, aber niemals mehr nur ein einziges Wort über seine Erfahrungen bei der Schlacht an der Wolga 1942/43 verliert.
Bei „Pardong“, einem Titel der mich nie so recht angesprochen hat, dauerte Wolfgangs Ansage beinahe doppelt so lang, wie das Lied selbst ;))) Dem eher schlagerhaften Poprocker „Anna“, einer Liebeserklärung an seine erste große Liebe, die im echten Leben eigentlich Hildegard-Anna hieß und „Hille“ genannt wurde, folgt derjenige, zutiefst intime, hochemotionale Meilenstein der einheimischen Rockszene, das ein Jahr darauf, im Spätsommer 1982, bis auf Rang 13 der offiziellen „Media Control“-Listen steigen konnte und dadurch für den endgültigen, nun auch kommerziellen Durchbruch von „BAP“ sorgen sollte: „Verdamp lang her“, in dessen perfekt, so radikal ehrlich, wie nachdenklich und persönlich gehaltenen Text es um das zwiespältige Verhältnis zwischen Wolfgang und seinem 1980 verstorbenen Vater geht – eine wunder-/eindrucksvolle Hommage an Wolfgangs „Bap“, die (die eifrigen Leserinnen und Leser meiner Rezensionen der letzten Wochen wissen es längst) gerade 2009 eine enorme Bedeutung für mich ganz persönlich in sich trägt… („Hück kütt mer vöör / als wenn et jestern wöör…“ - Textzitat).
Danach brandete erst mal die fundamentale Rock’n’Roll-Party auf. Für „Für Usszeschnigge“ hatte „BAPs“ „Mädchen für alles“, Christian „Kalau“ Keul, fetzig-freche, kölsche Woode zu Eddie Cochran’s 50er-Evergreen „Summertime Blues“ ersonnen. Wolfgang und die Seinen arrangierten den unvergleichlichen Gassenhauer unter dem Motto „Wo mer endlich Sommer hann“, aber NICHT etwa, wie zu Zeiten des Entstehungsdatums des Originals, 1958, sondern in einem dröhnenden, nahezu punkigen, gleichsam brillanten Hardrock-Stil, wie ihn „The Who“ zunächst auf ihrer genialischen 1970er-Scheibe „Live at Leeds“ und 1982 für ihr (vorläufiges) Abschiedswerk „Who’s Last“ eingesetzt hatten.
Die Stimmung in der „Markthalle“ befand sich am Siedepunkt, als nun der unwohrscheinlich schnelle „Waschsalon“ auf der Setlist stand… „Wisch Wasch / Wisch Wasch“ (Textzitat) beendete den „offiziellen“ Part des Gigs – doch, wer „BAP“ kennt, weiß ganz genau, daß bei ihren Auftritten öfter mal bis zu zehn Zugaben reine Ehrensache sind.
Bald erschien die Band ergo wiederum auf der Bühne, und Wolfgang interpretierte sein surreal-„geographisches“ „Liebesleed“ (1979). Als ‚Talking Blues’, mit wesentlich mehr Strophen, als im englischen Original von der US-amerikanischen Band „The McCoys“, ausstaffiert, dienten nun die kölsche Version ebenjenes 1965er-Ohrwurms „Hang on Sloopy“, sowie eine rheinländische, ziemlich drastische Neuauslegung des Welthits „Wild Thing“ von der britischen Rockband „The Troggs“ aus dem Jahre 1966, namens „Wahnsinn“, wofür sich Wolfgang und einige seiner Mitmusiker in überzeichnete, schrille Punk-meets-Discofreak-Pseudo-John-Travolta-Klamotten geworfen hatten, als weitere Zugaben.
„Et letzte Leed“ (auf LP erstmals nachzuhören auf „BAPs“ 1983er-Konzertdokument „Bess demnäxh“) sollte dieses jedoch noch längst nicht sein. Wolfgang zeugte nun seinem großen Idol und Vorbild Bob Dylan Tribut. „Like a Rolling Stone“ erklang als „Wie `ne Stein“ (1982 veröffentlicht auf der LP „Vun drinne noh drusse“) – ja, und dann kütt et: Am 28.11.81 war der Rezensent zehneinhalb Jahre alt, kannte „BAP“ noch gar nicht – und erfuhr von einer kölschen Bearbeitung von „His Bobness“ trotzigem Hymnus „It ain’t me, Babe“ erst 1995, da sich eine solche erst auf Wolfgangs zweiter Soloplatte „Leopardefellhoot“ befand… ja, und nun nach Erhalt der Rezensions-DVDs, staunte ich nicht schlecht, daß „Dat bin ich nit“ (1995: „Dat benn ich nit“) zu seiner Erstveröffentlichung als Studioaufnahme schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte. Die dralle, rasante Umsetzung dieses Titels, stellte bereits 1981 in der „Markthalle“, eingeleitet von einem skurrilen Medley aus „Tränen lügen nicht“ (Michael Holm) und – vom „Major“ gesungen – „Hot Legs“ (Rod Stewart), dat „vüürletzte Leed“ dar.
„Dat allerletzte Leed“ woor das ‚gesungene Drehbuch’ zu einem imaginären Film, „Das große Schu-Bi-Du“, eine Art „Talking Blues“, in dessen Reimen nicht wenige zeitgeistbestimmende ‚Koryphäen“ der 60er, 70er Jahre vorkommen; von der Zeichentrickfigur „Heidi“ (deren Name auch für den Refrain herhalten mußte), über den 1991 verstorbenen Schauspieler Klaus Kinski, „Was bin ich?“-Moderator Robert Lembke, Chansonlady Hildegard Knef, Hans Rosenthals ZDF-Show „Dalli, Dalli“, Tierarzt und Verhaltensforscher Prof. Bernhard Grzimek, bis hin zum damaligen CDU-Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht, Michael Endes liebenswertes Kinderbuch „Lokführer Lukas und Jim Knopf“ etc. u.v.a.; alles was in jenen Tagen Rang und Namen aufwies (oder zumindest aufweisen wollte), baute Wolfgang in seinen so augenzwinkernden, wie bitterst bösen Text ein. Doch, nach dem „Großen Schu-Bi-Du“, das in den Anfangstagen von „BAP“ stets als letzte Zugabe zum Zuge kam, war endgültig Schluß.
„Rockpalast – 28.11.1981 – Markthalle“ ist Zeitgeschichte pur. Nicht nur, daß „BAP“ darauf losrocken, wie junge Götter, nein, viele der ausgewählten Titel spiegeln das Denken und Fühlen zur Dekadenwende 70er/80er intensiv, ungekünstelt und authentisch wider: Ein klingendes Geschichtsbuch, das nicht nur allen Freunden erdiger, kölsch gesungener Rocksounds ans Herz gelegt sein soll, sondern auch Zeitzeugen, wie gleichsam Nachgeborenen, die sich, jenseits trockener, historischer Literatur, über die Stimmung jener politisch/gesellschaftlich aufgeheizten Tage informieren wollen.
Bald mehr von mir zu „BAP“ – bess demnäxh un ne schöne Jrooß!
Gesamtnote: Bestwertung!
Quelle: (Holger Stürenburg 29./30. April 2009)